Rodel Ruedi

für den Rodel, den Schnee und die Berge.

Es war einmal... So beginnen die schönsten Geschichten.
Es war einmal ein kalter, schneereicher und nicht enden wollender Winter. Zwei Freunde aus dem Norden wollten wie so oft in jener Zeit, dem Rodelsport frönen. Sie packten ihre treuen Rodel, eine Wegzehrung, heissen Tee und warme Kleidung ein. Sie hatten Gerüchte von einem fernen, wundersamen, weit entlegenen Rodelgebiet in den sieben Tälern bei den sieben Bergen bei den Eidgenossen gehört.
Nach langer, abenteuerlicher Fahrt erreichten sie schliesslich die sagenumwobenen Täler. Der Tag war schon vorangeschritten. Sie liessen sich aber nicht beirren und erklommen über einen schröcklichen Pfad den nächsten Berg. An der Tankstelle zum Rudi Rüssel im Tal hatte man sie vor diesen Bergen gewarnt. Gar wunderliche Gestalten trieben dort ihr Unwesen, manch Rodler ward nie wieder gesehen.
Oben auf der windigen Bergkuppe angekommen richteten unsere beiden Freunde  ihre Rodel und ihre Kleidung. Nach einem kurzen, bangen Blick zu den am Himmel dahinjagenden Wolken, stürzten sie sich in die Abfahrt. In immer schnellerer Fahrt jagten die Rodel den dunkler werdenden Pfad hinab. Immer schneller rasten seitwärts Bäume, Felsen und gefrorene Wasserfälle vorbei. An Bremsen konnte keiner mehr denken. Die Rodel bockten, drohten in den Kurven auszubrechen und in nicht fassbare Tiefen zu stürzen.


Aber waren sie alleine in dieser einsamen Abfahrt? Ihnen war, als würden sie die knirschenden Kufen eines heranrasenden Rodels hören. Ein freundliches "Grüezi", ein eiskalter Fahrtwind, aufgewirbelter Schnee - und schon war dieser Spuk vorbei. Überrascht brachten sie ihre Rodel aus rasender Fahrt zum Stehen. Was war dies gewesen? Man hatte schon Gerüchte von den verlorenen, rodelnden Seelen gehört. Verdammt zu ewiger Abfahrt.
Aber das konnte nicht sein. Hokuspokus! Aber deutlich waren die Spuren der Erscheinung im Schnee zu sehen.Nach kurzer Beratschlagung, die Nacht brach bereits herein, beschlossen unsere Freunde diesen Spuren zu folgen.


In die Dämmerung hinein folgten Sie den Spuren. Vorsichtig, immer wieder abbremsend und sich über die im Schneefall und schwindenden Tageslicht undeutlicher werdenden Spuren gebeugt, geht es weiter.
Aber was ist mit den Rodeln, den treuen Sportgefährten? Es scheint, sie zieht es voran, weiter, fordernd.


Plötzlich biegen die jetzt mehr nur noch zu erahnenden Spuren vom Wege ab und enden an einer Felswand. Gibt es hier sogar Helikopterrodel?  Unsere Freunde sind ratlos. Ist das schon das Ende ihrer Suche?
Bei genauerer Untersuchung der Felswand im Scheine flackernder Zündhölzer - der Wind scheint mit Absicht stärker zu blasen und sie löschen zu wollen - entpuppt sich die vermeintliche Felswand als eine gut getarnte Tür: Der Zugang zu einer alten eidgenössischen Bergfestung?


Plötzlich, trotz Wind, ein deutlich zu vernehmendes Knacken zwischen den Bäumen. Die Köpfe fahren herum. Dort ein Paar glutrot leuchtende Augen wenige Meter entfernt zwischen den Bäumen. Ein, zwei huschende Schatten grosser Kreaturen. Jetzt zwei Paar leuchtende Augen dort drüben. Die Wildnis zwischen den Bäumen ist finster und lässt eine unbeschreibliche Bedrohung erahnen.
Hektisch wird im immer stärker werdenden Schneefall und Wind die Tür untersucht. Umzudrehen getraut sich keiner. Wieder das Knacken eines Zweiges, ist das schnauben oder nur der Wind?

Da, sie entdecken einen Hebel an der Seite. Mit vereinten Kräften kann die Tür entriegelt und geöffnet werden. Sie hören ein Knurren und sich beschleunigende Schritte. Schnell die Rodel gegriffen und hinein in das Sicherheit versprechende schwarze Loch.

 

Die Tür zugezogen. Stille, Schwärze, tropfendes Wasser.

 

Im Licht der letzten Streichhölzer folgen unsere Gefährten dem Gang hinein in den Berg. Sie hören nur ihre eigenen Schritte, der Atem dampft in Wolken vor dem Gesicht. Die Streichhölzer werfen einen flackernden Schein auf feuchte Betonwände. Ab und zu sieht man verwitterte Schriftzeichen und rostige Schilder an der Wand. Kleinere Gänge führen seitlich in die Finsternis.


Das letzte Streichholz erlischt und Finsternis umhüllt alles. Stehenbleibend und angestrengt in die Dunkelheit lauschend versuchen sie sich zu orientieren. Spielen einem die Sinne einen Streich, aber ist dort nicht hell?
Da vorne scheint ein fahles, mattes Licht. Es ist der zwischen Wolken hervorscheinende Mond. Der dunkle Schlund des Berges öffnet sich und gibt den Blick frei auf ein verschneites, tiefes Tal. Kalt strömt die in tiefen Zügen eingezogene Nachtluft in die Lungen.
Der Schneesturm hat aufgehört und der Mond bescheint steile, bewaldete Hänge und erzeugt mit den am Himmel vorbeiziehenden Wolken ein Schattenspiel als würden die Bäume leben.


Ein Lichtschein etwas unterhalb erregt ihre Aufmerksamkeit. Ja, auch noch zu erahnende Kufenspuren scheinen dorthin zu führen. Es ist ein warmes, freundliches Licht, das Wärme und Geborgenheit verspricht. Auf, die Rodel geschultert und durch den Schnee dorthin geschritten!


Es ist eine alte Berghütte in einer kleinen Lichtung. Das tief verschneite Dach duckt sich unter einen grossen Felsen. Müde und abgekämpft  erreichen beide Freunde die Hütte. Die Wand ist aus sonnenberannten Holz, allerlei Gerätschaft hängt daran und schaut teils aus dem Schnee hervor. Ein hübscher Vorhang am beleuchteten Fenster, bestickt mit kleinen Rodeln, verdeckt leider die Sicht in das Innere. Neben dem Fenster eine Tür. Dort steht auch ein Rodel an die Wand gelehnt. Die Tür ist nicht verriegelt und lässt sich leicht aufziehen.


Nach all der Kälte und Anstrengung liegt vor ihnen ein gemütlicher Raum. Wärme verströmt ein grosser Ofen in der Ecke, auf der Feuerstelle hängt ein Topf über prasselnden Scheiten. Mit weichem Schaffell bedeckte Bänke an einem roh gezimmerten Tisch laden zum Entspannen ein.
Unsere Rodler klopfen vernehmlich an die Tür; keine Antwort. Sie machen einen Schritt hinein ins Licht und ziehen die Tür hinter sich zu. Sind sie alleine? Nochmals klopfen sie an die Tür und rufen ein forsches „Hallo, jemand zu Hause?“ Sie lauschen. Aber keine Antwort, keine Schritte, kein Rauschen einer WC-Spülung. Es scheint niemand da zu sein.
An der gegenüberliegenden Wand, neben dem Ofen ist noch eine Tür. Zu dieser führt eine Spur Stiefelabdrücke aus geschmolzenen Schnee. Dorthin muss der unbekannte Rodler gegangen sein. Die zu warmen Jacken abgelegt und sich vorsichtig der Tür genähert. Unter der Tür scheint helles, kaltes, weisses Licht hervor. Und das Ohr dicht am Holz vernimmt man gedämpft seltsame Geräusche: zischen, klackern, pfeifen und Stimmen.
Ein Gedanke: Jetzt wird’s seltsam. Sie schauen sich kurz in die Augen, ein Nicken und ein Griff zur Türklinke.

Fortsetzung folgt